Nachlese Workshop FFH-Nadelwälder und -Pflanzen

Workshop “FFH-Nadelwälder und -Pflanzen”

Maßnahmen und mögliche Auswirkungen auf FFH-Waldschutzgüter

Dienstag, 23. Mai 2017, 13.30 bis ca. 18 Uhr
Salzburger Kalkalpen – FFH-Gebiet Winklmoos und tannenreiche Bergmischwälder

Mittwoch, 24. Mai 2017, 9 bis 15.30 Uhr
Krallerhof, Rain 6, 5771 Leogang

Inhalt und Organisation: Gisela Pröll, Katharina Zwettler, Gerhard Heilingbrunner (Kuratorium Wald)
Moderation: Lisa Purker (PlanSinn)

Zusammenfassung

Der vierte Workshop der Arbeitsplattform NATURA2000.Wald „FFH-Nadelwälder und -Pflanzen“ war Anziehungspunkt für knapp 50 TeilnehmerInnen. Auch bei dieser Veranstaltung konnten VertreterInnen aus unterschiedlichen Bereichen (Behörden, Waldbewirtschaftung, Wissenschaft, NGOs, Naturschutz, etc.) begrüßt werden.
In der mehrstündigen Exkursion am ersten Tag stellte Thomas Zanker, Leiter des Forstbetriebs St. Martin, Bewirtschaftungsformen im Wald der Bayerischen Saalforste vor. Hier wurden praxisrelevante Themen zur Bewirtschaftung von tannenreichen Bergmischwäldern im FFH-Gebiet Winklmoos und in Wildeuropaschutzgebieten diskutiert.
Mit den Begrüßungsworten am zweiten Tag wurde die Bedeutung des Projektes „Arbeitsplattform NATURA2000.Wald“ herausgestrichen und in den aktuellen Diskurs zum Thema Natura 2000 eingebettet. Nach dem Vortrag zum aktuellen Projektstand, folgten Präsentationen zu den Möglichkeiten und Herausforderungen von Natura 2000 im Wald, zum FFH-konformen Naturschutzkonzept des Forstbetrieb St. Martin, zu Maßnahmen im LIFE+ Projekt „Ausseerland“ sowie zu förderlichen Maßnahmen für FFH-Moose.
In den Arbeitskreisen wurden schließlich prioritäre Herausforderungen bei der Bewirtschaftung in Natura 2000-Gebieten und Maßnahmen, die zu einer erfolgreichen Umsetzung von Natura 2000 im Wald beitragen, diskutiert. Mit dieser Veranstaltung endete die Workshop-Reihe der „Arbeitsplattform NATURA2000.Wald“.

Exkursion

Leitung: Thomas Zanker, Bayerische Saalforste

1. Exkursionspunkt: Allgemeine Einführung zum Forstbetrieb St. Martin

  • Salinenkonvention aus dem Jahre 1829 sicherte dem Land Bayern (ab dem Jahr 2005 von den Bayerischen Staatsforsten bewirtschaftet) rund 18.500 ha Gesamtfläche auf österreichischer Staatsfläche
  • Im Gebiet existierte ein Holztriftwesen für die Bereitstellung von Brennholz für die Saline in Bad Reichenhall; jahrhundertelange Salinenwirtschaft prägte die Wälder in der Gegend, vielerorts entstanden Fi- und Ta-reiche Bestände; Buche eignet sich aufgrund ihres geringen Auftriebs nicht für das Triftwesen und wurde deshalb sukzessive verdrängt; heutiges Ziel ist es, diese nadelholzdominierten Wälder wieder in naturnahe Bergmischwälder zu überführen
  • Rund 11.000 ha der Gesamtfläche des Forstbetriebs St. Martin unterliegen einem gesetzlichen Schutzstatus; 1/5 der Gesamtfläche liegt innerhalb von Natura 2000; je nach naturschutzfachlicher Wertigkeit (definiert durch die Baumartenzusammensetzung und das Alter) werden die Wälder in unterschiedliche Klassen eingeteilt (Klasse 1 – sehr naturnah bis Klasse 4 – eher naturfern)
  • Besondere Beachtung genießen Raufußhühner im Forstbetrieb; für deren Schutz ist u.a. eine Tourismuslenkung notwendig; eine Kooperation erfolgt mit regionalen Tourismusverbänden (z.B. im Rahmen des Projekts „Respektiere deine Grenzen“ und der Beschilderung von Radwegen); ausgewiesene Schutzgebiete sind ein wichtiges Instrument für die Akzeptanz und Umsetzung der Tourismuskonzepte angesichts des steigenden Freizeitnutzungsdrucks im Wald. Aber: „Auch früher war im Wald viel los!“ Dies zeigte Herr Zanker anhand von historischen Karten von Winterschlittenwegen.
  • Nähere Informationen s. Exkursionsführer und Naturschutzkonzept St. Martin

2. Exkursionspunkt: Wirtschaftswald Klasse 4 Martinsbichl Nördlich
Bei diesem Standort handelt es sich um einen rund 145-jährigen Bestand, der zum Teil im FFH- und Vogelschutz-Gebiet liegt. Laut vorliegender Standortskartierung (nähere Informationen s. Projekt WINALP) befinden wir uns in Fi-Ta-(Bu)-Waldgesellschaften. Die Inventurergebnisse ergaben einen reinen Fi-Ta-Wald, demnach wird längerfristig ein Fi-Ta-Bu-Mischwald angestrebt (Fi 35%, Ta 35%, Bu 20%, BAh 10%). Die Tanne verjüngt sich hier erfolgreich aufgrund der intensiven Bejagung von Rehwild. Dem Forstbetrieb ist es wichtig auf mehrere Baumarten angesichts des Klimawandels, der Problematik mit Borkenkäfer und aktuell der Tannentrieblaus zu setzten. Zur Verjüngungseinleitung wird eine femelartige Nutzung (1 Baumlänge lang und ½ Baumlänge breit) praktiziert, die vor allem durch die kleinräumigen, standörtlichen Nischen eine ungleichaltrige Verjüngung fördert. Vom ehemals praktizierten Schirmschlag, der die flächige, gleichaltrige Verjüngung förderte, weicht man im Forstbetrieb seit knapp 10 Jahren ab.
Im Hinblick auf den Schutz des Auerhuhns ist bei der Nutzung zu beachten, dass Femellöcher bzw. Verjüngungskegeln nicht in einer Falllinie liegen, um Korridore für Raufußhühner zu erhalten. Auerhühner meiden Bereiche mit dichtem Unterwuchs, weil dieser für sie eine Sichtbarriere darstellt. Aus diesem Grund wird im Forstbetrieb statt der flächigen Einbringung von Buche mittlerweile in Trupps oder Gruppen gepflanzt. Das praktizierte Zusammentragen von Astmaterial zu Holzhaufen gewährleistet ebenso eine Durchgängigkeit für das Auerwild. Weitere aktive Artenschutzmaßnahmen für das Auerwild sind z.B. der Erhalt

  • von tiefbeasteten, weitbekronten Habitatbäumen, insbesondere von Tannen
  • eines Mosaiks von nadelholzdominierten, strukturreichen, zum Teil lichten Waldbeständen, die durch natürliche Störungen oder femelartige Nutzung erzielt werden können
  • von Ameisenhaufen und somit der Ameisenlarven, die eine wichtige Nahrungsquelle für Auerhühner darstellen

3. Exkursionspunkt: FFH-Gebiet Winklmoos
Das Natura 2000-Gebiet Winklmoos umfasst eine Fläche von 78 ha und liegt im Gemeindegebiet von Unken an der österreichisch-bayerischen Landesgrenze. Es wurde 1976 als Naturschutzgebiet und 30 Jahre später als Europaschutzgebiet ausgewiesen. Es handelt sich um einen ausgedehnten Latschenhochmoorkomplex. Die vorkommenden Lebensraumtypen nach der FFH-Richtlinie umfassen naturnahe lebende Hochmoore, Übergangs- und Schwingrasenmoore, Moorwälder und Hochstaudenfluren. Weitere Schutzgüter sind z.B. Auerhuhn, Dreizehenspecht, Schwarzspecht, Wespenbussard und Steinadler.

4. Exkursionspunkt: Naturferner Wirtschaftswald Klasse 4 Bannforst
Der fichtendominierte, 80-jährige Bestand mit einzelnen älteren Tannenüberhältern liegt zum Großteil im Vogelschutzgebiet. Der reine Fichtenbestand laut Forstinventur soll längerfristig in einen Fi-Ta-Bu-Wald überführt werden (Fi 60%, Ta 20%, Bu 15%, BAh 5%). Zur Förderung der Vorausverjüngung wird eine femelartige Nutzung praktiziert. In erster Linie setzt man auf Tannen- und Buchen-Naturverjüngung, ein geringer Anteil wird durch Pflanzung in Trupps ergänzt. Tannen oder Buchen, die absterben und als Totholz in den Bestand einwachsen, bleiben auch im Wirtschaftswald erhalten, sofern dies aus betrieblicher Sicht möglich ist. „Das ist für den Forstbetrieb selbstverständlich!“, so Herr Zanker. Im ganzen Betrieb werden zehn Biotopbäume/ha angestrebt. Vor allem alte Tannen, die aus Waldschutzsicht kein Problem sind, bleiben zugunsten des Auerwilds erhalten.

5. Exkursionspunkt: Naturnaher Bergmischwald Klasse 2 Bannforst
Bei diesem Standort handelt es sich um einen 180-jährigen naturnahen Bergmischwald in Hiebsruhe, der zur Gänze im Vogelschutzgebiet (SPA) liegt und gleichzeitig Wildeuropaschutzgebiet ist. Aufgrund der fehlenden forstlichen Erschließung und aus einer gewissen Selbstverpflichtung heraus wird dieser Bestand aktuell nicht genutzt. Bei Ausbleiben von natürlichen Störungen wäre aber eine nachhaltige Nutzung förderlich oder sogar notwendig, um bestimmte Strukturen zu erhalten. Das Totholzziel in solchen Klasse 2 Wäldern sind rund 40 fm/ha. Als Staatsunternehmen erhalten die Bayerischen Saalforsten keine finanzielle Abgeltung für die Außernutzungnahme von Einzelbäumen.
In der Diskussion wurde betont, dass es wichtig sei, Naturschutzmaßnahmen im Privatwald ausreichend zu fördern. Dies zeige außerdem eine gewisse Anerkennung für die umgesetzten Naturschutzmaßnahmen eines Privatwaldbesitzers. Es wurde auf bereits bestehende Einzelförderungen hingewiesen, aber auch auf die Notwendigkeit den hohen bürokratischen Aufwand zu verringern, damit jene auch vermehrt angenommen werden. Ebenso wurde betont, dass Natura 2000 keinen Käseglockennaturschutz darstellen darf. Für die Akzeptanz und erfolgreiche Umsetzung von Natura 2000 sei es notwendig, die Ansprüche von Schutzgütern mit der Waldbewirtschaftung abzustimmen. Dazu braucht es eine gute Kommunikation vor allem zwischen BehördenvertreterInnen und WaldbewirtschafterInnen.

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Begrüßung

Gerhard Heilingbrunner, Präsident des Kuratorium Wald, erklärte, dass es bei der Arbeitsplattform darum gehe, Natura 2000 nicht von Grund auf zu diskutieren, sondern bei Fragen zu Natura 2000 im Wald voranzukommen. Die Zusammenarbeit sollte über die Landesgrenzen hinweg verstärkt werden, z.B. über eine österreichweite Plattform für Natura 2000.

Astrid Rössler, LH-Stv. des Landes Salzburg, verwies auf den hohen gesellschaftlichen Stellenwert der Wälder, die für viele ÖsterreicherInnen eine gewisse Identifikation mit Ihrem Heimatland darstellen. Der Schutz und Erhalt der Wälder in Österreich bekommt damit weitere Dimensionen.

Johannes Schima, SL-Stv. BMLFUW Abteilung III, betonte die Notwendigkeit beim Thema Natura 2000 offen miteinander zu sprechen und strich die Bedeutung des Projektes „Arbeitsplattform NATURA2000.Wald“ hervor. Die Vernetzung der im und für den Wald tätigen AkteurInnen sei auch über das Projekt hinaus essentiell, so Herr Schima.

Lisa Purker, Moderatorin im Auftrag des Kuratorium Wald, startete mit zwei Redewendungen: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es auch wieder heraus“ und „Man sieht den Wald vor lauter Bäumen kaum mehr“ und verwies damit auf ein respektvolles Miteinander und klare und einfache Worte als Voraussetzungen für eine Diskussion. Frau Purker bat um kurze Stellungnahmen aus dem Auditorium zu Aha-Erlebnissen aus der Exkursion am Vortag. Genannt wurden:

  1. Die gelungene Verjüngung der Tanne durch Wildstandsregulierung
  2. Die Klassifizierung der Wälder nach Baumartenzusammensetzung und Alter, die zu einer bestimmen Bewirtschaftung und zum Teil auch zu einem freiwilligen Nutzungsverzicht führt.

Impulsvorträge und Diskussionen

Gisela Pröll, Kuratorium Wald, ist Leiterin des Projekts „Arbeitsplattform NATURA2000.Wald“ und stellte in ihrem Vortrag Hintergründe, Ziele und Nicht-Ziele, den Status quo sowie die nächsten geplanten Schritte vor. Das Projekt zielt vor allem darauf ab,

  • die Umsetzung von Natura 2000 im Wald zu unterstützen,
  • verbessertes Wissen zu FFH-Schutzgüter bereitzustellen,
  • die Einwirkfaktoren auf FFH-Waldschutzgüter zu analysieren sowie
  • theoretische Anforderungen mit Erfahrungen aus der Praxis zu diskutieren.

Der Hauptteil des geplanten Natura 2000-Handbuchs, das das Endprodukt dieses Projektes sein wird, umfasst Steckbriefe zu ausgewählten Schutzgütern im Wald des Anhang I und II der FFH-Richtlinie. Wichtige Informationen und Maßnahmenvorschläge zu ausgewählten FFH-Lebensraumtypen und -Arten werden praxisnah aufbereitet, und können als Unterstützung bei der Umsetzung von Natura 2000 im Wald herangezogen werden. Die Präsentation zum Projekt finden Sie hier.

Hermann Hinterstoisser, Naturschutzabteilung des Landes Salzburg, startete seinen Vortrag mit den grundlegenden Zielen von Natura 2000, nämlich den Artenverlust im EU-Raum zu stoppen und einen günstigen Erhaltungszustand von Schutzgütern herbeizuführen oder zu bewahren. „Das ist ein durchaus ambitioniertes Vorhaben!“, so Herr Hinterstoisser. Einerseits können ökologische Funktionen durch integrative waldbauliche Maßnahmen erreicht werden (z.B. gestufte Waldrandgestaltung für den Eschenscheckenfalter), andererseits seien aber auch segregative Ansätze notwendig. „Gewisse Organismengruppen sind an Zerfallsphasen im Wald gebunden!“, so Herr Hinterstoisser. Eine nachhaltige Waldbewirtschaftung erhöhe zudem die Resilienz der Wälder und verbessert somit die Fähigkeit von Waldökosystemen auf sich ändernde Umweltbedingungen reagieren zu können. Für die Umsetzung von Erhaltungs- und Schutzmaßnahmen können integrative Planungsansätze wie Waldfachpläne oder Waldwirtschaftspläne wichtige Grundlagen darstellen. Die Präsentation von Herrn Hinterstoisser finden Sie hier.

In der anschließenden Diskussion wurde der Wunsch nach vermehrter Transparenz über die Definition des Erhaltungszustandes auf biogeografischer Ebene in Ö geäußert. Nicht immer entspricht der Erhaltungszustand in der biogeografischen Region dem Erhaltungsgrad auf Gebietsebene. Eine schlüssige Darstellung der Auswertungskriterien wäre diesbezüglich wünschenswert, denn „Intransparenz verursacht Unwohlsein.“ Auf die öffentlich verfügbare Informationsgrundlage (GEZ Studie, UBA 2005) wurde diesbezüglich hingewiesen. In Salzburg sind ebenso Managementpläne, die u.a. Informationen zum Zustand der Schutzgüter auf Gebietsebene und Managementempfehlungen beinhalten, in enger Kooperation mit den Grundeigentümern erstellt worden. Es gibt bereits vielerorts Bestrebungen, diese Maßnahmenempfehlungen in gängige Operate zu integrieren.

Thomas Zanker, Leiter des Forstbetriebs St. Martin, stellte zu Beginn das 10-Punkte-Programm des Naturschutzkonzepts der Bayerischen Staatsforsten vor. Eine flächendeckende naturnahe Waldbewirtschaftung sowie die Integration von Naturschutzbelangen auf der gesamten Waldfläche zählen zu den obersten Grundsätzen. Die Integration des Naturschutzkonzepts erfolgt im Rahmen der Forsteinrichtung und wird alle 10 Jahre evaluiert. Im Rahmen der Forsteinrichtung werden naturschutzrelevante Flächen ausgewiesen und Alt-, Totholz- und Biotopbäume erfasst. Die Wälder werden in naturschutzfachliche Klassen anhand der Parameter Naturnähe (definiert nach Baumartenanteilen) und dem Alter der Bestände, geteilt. Klasse 1 Wälder (> 200 Jahre) sind zur Gänze außer Nutzung genommen, sehr artenreich und naturschutzfachlich von hoher Bedeutung. Sie sind mosaikartig über den ganzen Forstbetrieb verteilt und „Trittsteine sowie Spenderflächen“ für (seltene) Tier- und Pflanzenarten. Klasse 2 (140-199 Jahre) und Klasse 3 Wälder (100-139 Jahre) sind naturnahe Waldbestände mit Totholzzielen zwischen 20-40 m³. Hier werden 10 Biotopbäume / ha angestrebt. Alle restlichen Bestände sind Klasse 4 Wälder (naturferne Wirtschaftswälder). Klasse 2-4 Wälder werden inner- und außerhalb von Schutzgebieten grundsätzlich genutzt. Herr Zanker schließt seinen Vortrag mit der Anmerkung, dass ausgewiesene Wildeuropaschutzgebiete eine gewisse Selbstverpflichtung für den Forstbetrieb bedeuten, gleichzeitig aber einen erhöhten Verwaltungsaufwand (Ein Beispiel bei einer Rückewegbefestigung wurde angeführt) mit sich bringen. Die Präsentation von Herrn Zanker finden Sie hier.

In der Diskussion wurde der Forstbetrieb als Best-Practice Beispiel genannt, der vorzeigt, wie Naturschutz und Waldwirtschaft gut kombiniert werden können. Diesbezüglich wurde auch angemerkt, dass dieser Naturschutz aber Geld koste, da er in vielen Fällen mit Nutzungsverzicht einhergeht. Aber „Naturschutz bringt auch Geld!“, denn eine nachhaltige Bewirtschaftung mit Kahlschlagverzicht und einer gesicherten Vorausverjüngung gilt gleichzeitig auch als Risikovorsorge im Hinblick auf Klimawandel und auftretende Sturmereignisse.

Anna-Sophie Pirtscher, ÖBf-AG, stellte in ihrem Vortrag die Waldnaturschutzmaßnahmen im Rahmen des LIFE+ Projektes „Ausseerland“ vor. Bei der erstmaligen Ausweisung der Schutzgebiete bereits vor Natura 2000 wurden A- und B-Zonen in den Gebieten ausgeschieden. In den Wäldern der A-Zone findet mit Ausnahme von Borkenkäfermaßnahmen keine Bewirtschaftung statt. In der B-Zone findet naturnahe Waldbewirtschaftung unter Rücksichtnahme der besonderen Ansprüche von Schutzgutarten und Lebensraumtypen (LRT) statt. Hier erfolgt eine kahlschlagfreie Nutzung, keine Einbringung von Neophyten, Förderung von Baumarten wie Vogelbeere, Bergulme und Berg-Ahorn, 5 Biotopbäume/ha etc. Bereits bei der Durchforstung wird darauf geachtet, die Diversität im Wald zu fördern. Die Akzeptanz der Waldnaturschutzmaßnahmen ist gut, weil sie Großteils mit den betrieblichen Zielen im Einklang stehen. Dennoch gibt es Herausforderungen bei der Umsetzung im Gebiet. Die LRT sind derzeit noch ungenau lokalisiert und Managementpläne fehlen. Die ÖBf versuchen hier aktiv mitzuwirken: Im Rahmen der Forsteinrichtung werden Erhebungen der LRT im Gebiet vorgenommen sowie der Erhaltungsgrad für einzelne Waldbestände abgeleitet. Waldnaturschutzmaßnahmen sollen in die Operate integriert werden, um eine praktische Umsetzung vor Ort durch die jeweiligen Revierleiter zu ermöglichen. Im Rahmen dieses Pilotprojektes wird eng mit Biologen von der Naturschutzabteilung des Landes Steiermark zusammengearbeitet. Die Präsentation zum Projekt finden Sie hier.

In der Diskussion wurde der Wunsch nach einer flächendeckenden Waldtypisierung, wie sie bereits in Tirol und Teilflächen von Salzburg vorliegt, für ganz Österreich geäußert. Dies sei eine zentrale Planungsgrundlage für eine naturnahe Waldbewirtschaftung und diverse Naturschutzangelegenheiten. In Pilotregionen in Tirol wird bereits versucht aufbauend auf die Waldtypisierung FFH-Lebensraumtypen mit potentiellen Waldtypen zu verschneiden, den Ist-Zustand bzw. Potentiellen-Zustand abzuleiten sowie LRT in die waldbaulichen Operate einzubinden. Es wird darauf hingewiesen, dass vielerorts auch Waldbauhandbücher z.B. von der Landwirtschaftskammer ausgearbeitet wurden, die Auskünfte über die potentiellen Waldgesellschaften geben.

Christian Schröck von den OÖ. Landesmuseen erläuterte in seinem Vortrag die besonderen Ansprüche von FFH-Moosen. Moose wachsen entweder als Epiphyten in den Kronen oder Astteilen von Bäumen, auf Totholz oder direkt am Fels bzw. am Waldboden. Ein Epiphytenmoos, das Grüne Besenmoos, kommt bevorzugt auf Buchen vor, während Rogers Kapuzenmoos bevorzugt in den Kronen älterer Weißtannen wächst und das Rudolphs Trompetenmoos vor allem an alten Bergahornen vorkommt. Moose reagieren generell sensibel auf Eingriffe, die das Standortsklima verändern. Der Faktor Zeit muss bei den Moosen auch immer beachtet werden. „Es ist nicht immer der starke Stammdurchmesser, der zählt, sondern es braucht auch genügend Zeit, die eine Besiedelung an Bäumen ermöglicht.“ Das Grüne Koboldmoos ist ein Totholzmoos, das meist auf liegenden Fichtenstämmen vorkommt. Der Wissensstand über dieses Moos ist sehr gering. „Hier hinkt man im Bereich der Grundlagen zum Koboldmoos nach!“ Für Moose generell sind Trittsteinbiotope und somit die Sicherung der Standortskontinuität von Totholzanteilen im Wald sehr relevant. „Für uns als Artenexperten und für Sie als Bewirtschafter ist es eine Herausforderung die Habitatverfügbarkeit für Moose zu sichern!“, erklärte Christian Schröck. Mögliche Ansätze sind Teilbereiche Außernutzung zu stellen und eine integrative Waldbewirtschaftung. Die Präsentation zu den FFH-Moosen finden Sie hier.

In der Diskussion wurde in Bezug auf die Außernutzungsstellung die Frage in den Raum geworfen, wie viele Urwälder (nach dem Beispiel des Rothwaldes im Wildnisgebiet Dürrenstein) sich unsere Gesellschaft in Ö leisten kann. Ebenso wurde die generelle Herausforderung in Natura 2000-Gebieten diskutiert, wenn mehrere Schutzgüter in einem Gebiet vorkommen, die von unterschiedlichen Maßnahmen profitieren. Hier betonte Schröck die Bedeutung der Grundlagenerhebung: Welche Schutzgüter habe ich? Können Leitarten definiert werden? Was brauchen diese Schutzgüter? Wie kann man das gemeinsam umsetzen? Ziel könnte laut Schröck die Formierung eines Gremiums aus Arten- und LRT-ExpertInnen und BewirtschafterInnen sein.

Arbeitskreise

In Form eines „World Cafés“ erarbeiteten die TeilnehmerInnen die Herausforderungen zu den nachfolgenden Themen und formulierten in zwei Runden mögliche Maßnahmen, um diesen Herausforderungen zu begegnen. Die wichtigsten Punkte der jeweiligen Arbeitsgruppen werden nachfolgend zusammengefasst:

Arbeitsgruppe „Förderung von stabilen, strukturierten Bergmischwäldern“, Leitung: Anna-Sophie Pirtscher (ÖBf)

Runde 1: Was sind die Herausforderungen?

  • Wildmanagement
  • Akzeptanz für Grundvoraussetzung der Bewirtschaftung
  • Bewusstseinsbildung bei allen

Runde 2 + 3: Mit welchen Maßnahmen können wir Lösungen schaffen?

  • Weniger Wild durch Bejagungskonzepte, Abschussplan anhand der Vegetation, Evaluation der Fütterungspraxis, wildökologische Raumpläne mit Wildruhezonen im Bereich des Tourismus
  • Kleinflächige, naturverträgliche Bewirtschaftung: Grunderschließung, Schutzwald und -wirkung erhalten, Prozessschutzflächen mit Abgeltungsmöglichkeiten
  • Bewusstseinsbildung: Natura 2000 ist kein Käseglockennaturschutz, eine Bewirtschaftung unter Berücksichtigung der Schutzgüter ist möglich; Best Practice Beispiele honorieren (z.B. Natura 2000 Bewirtschaftungspreis), Managementpläne und Weißbücher helfen bei der Bewirtschaftung; breitangelegte Information an die Öffentlichkeit bei Unternehmungen in Natura 2000 Gebieten

 

Arbeitsgruppe „Alt- und Totholzerhalt im Bergwald“, Leitung: Andreas Scharl (Schutzgebietsbetreuung Pinzgau)

Runde 1: Was sind die Herausforderungen?

  • Kontroversen zwischen Besitzstrukturen und Schutzzielen / Möglichkeiten
  • Gefahrenpotenzial das von Totholz ausgehen kann (Arbeitssicherheit, Naturgefahren)
  • Einfache und ausreichende Förderung und Freiwilligkeit

Runde 2 + 3: Mit welchen Maßnahmen können wir Lösungen schaffen?

  • Bewusstseinsbildung durch Best-Practice-Beispiele (etwa zu Wirtschaftlichkeit der Nutzung)
  • Klare Ziele für Schutzgebiete und Schutzgüter (Was ist notwendig für die Schutzgüter, wie viel Alt- und Totholz brauchen sie zum Überleben?)
  • Regelmäßige Inventur bzw. Monitoring zur Erreichung der Ziele

 

Arbeitsgruppe „Erfolgreiche Verjüngung im Schutzwald“, Leitung: Georg Frank (BFW)

Runde 1: Was sind die Herausforderungen?

  • Verjüngungshemmnisse (sowohl man-made als auch natürlich wie z.B. Trockenheit)
  • Struktur / Textur / Gleichaltrigkeit / Pflegerückstände
  • Objektschutzwirkung

Runde 2 + 3: Mit welchen Maßnahmen können wir Lösungen schaffen?

  • Standörtliche Differenzierung und waldbauliche Maßnahmen abgestimmt auf die jeweiligen Waldgesellschaften
  • Best-Practice- und Worst-Practice-Beispiele
  • Grunderschließung unter Beachtung wirtschaftlicher und standörtlicher Grenzen
  • Verminderung der Verbissbelastung als Grundvoraussetzung für Naturverjüngung und für die Nutzung der Baumartenvielfalt
  • Inhaltliche Abstimmung im Behördenverfahren österreichweit

 

Arbeitsgruppe „Förderliche Maßnahmen für FFH-Moose im Wald“, Leitung: Christian Schröck (OÖ. Landesmuseum)

Frage 1: Was sind die Herausforderungen?

  • Moose „sexy“ machen
  • Schlechter Wissensstand über Moose
  • Schlüsselhabitate definieren / Artengruppen mit ähnlichen Ansprüchen zusammenfassen

Runde 2 + 3: Mit welchen Maßnahmen können wir Lösungen schaffen?

  • Leitbild erstellen; Schirmarten, Mitnahmeeffekte und Schlüsselhabitate definieren
  • Schulungen am BFW und evtl. Erhebungen im Rahmen der Waldinventur
  • Plattform > Biologen und Grundeigentümer entwerfen gemeinsam Schutzgebietskonzepte

 

Resümee

Beim 4. und letzten Workshop der „Arbeitsplattform NATURA2000.Wald“ diskutierten die TeilnehmerInnen sehr konstruktiv zum Thema Umsetzung von Natura 2000 in FFH-Nadelwälder und zu FFH-Moosen. Die mehrstündige Exkursion bot den TeilnehmerInnen zahlreiche Gelegenheiten, um miteinander ins Gespräch zu kommen, Fragen einzubringen und praxisnahe Informationen zur Bewirtschaftung von Bergmischwäldern in Schutzgebieten und zu förderlichen Maßnahmen für das Auerhuhn, zu gewinnen. Im Rahmen der Impulsvorträge wurden allgemeine Natura 2000-Themen behandelt und gute Praxisbeispiele zur Umsetzung von Natura 2000 im Wald gezeigt. Die Arbeitskreise dienten schließlich dazu, einerseits Herausforderungen klar zu benennen, und anschließend Lösungsansätze zu erarbeiten. Die Veranstalter bedankten sich bei den TeilnehmerInnen für Ihre Beiträge im Rahmen der Veranstaltung und die konstruktive Arbeitsatmosphäre – besonderer Dank gilt jenen Personen, die die Arbeitsplattform seit dem ersten Workshop begleitet haben.