Montane bis alpine bodensaure Fichtenwälder

Lebensraumtyp 9410

© Wolfgang Willner

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Kurzbeschreibung

Der Lebensraumtyp umfasst eine große Spanne unterschiedlicher Waldgesellschaften, welche jedoch alle von der Fichte (Picea abies) als Hauptbaumart dominiert werden. Es handelt sich einerseits um zonale Nadelwälder über Gesteinen aller Art in der montanen Stufe der kontinentalen Innenalpen und der subalpinen Höhenstufe der Alpen und der Mittelgebirge. Die Fichten bilden Dauergesellschaften bzw. extrazonale Gesellschaften über Sonderstandorten. In den Rand- und Zwischenalpen bilden die Wälder zumeist die obere Waldgrenze.
In der montanen Höhenstufe der Innenalpen bildet die Fichte häufig geschlossene, wenig gestufte Bestände. Die Fichte ist hier raschwüchsig, mit kurzen breiten Kronen und beendet das Höhenwachstum bereits mit 100-150 Jahren. Die Strauchschicht besteht überwiegend aus sich verjüngenden Baumarten. Die Moosschicht ist in der Regel üppig entwickelt und artenreich. Er stellt in den Hochlagen einen natürlichen Lawinen- und Erosionsschutz bis an die Waldgrenze dar.

Biotoptypen

Fichtenwälder und Fichten-Tannenwälder
Bodensaure Fichtenwälder
Fichten-Blockwald über Silikat
Bodenbasische trockene Fichten- und Fichten-Tannenwälder
Bodenbasische frische Fichten- und Fichten-Tannenwälder
Fichten-Blockwald über Karbonat
Nasse Fichten- und Fichten-Tannenwälder

Kennzeichnende Pflanzenarten

Hauptbaumarten:
Gemeine Fichte (Picea abies)

Begleitbaumarten:
Weiß-Tanne (Abies alba)
Berg-Ahorn (Acer pseudoplatanus)
Rotbuche (Fagus sylvatica)
Waldkiefer (Pinus sylvestris)
Vogelbeere (Sorbus aucuparia)

Strauchschicht:
Salweide (Salix caprea)
Rote Holunder (Sambucus racemosa)

Krautschicht:
Gebirgs-Frauenfarn (Athyrium distentifolium)
Wald-Frauenfarn (Athyrium filix-femina)
Rippenfarn (Blechnum spicant)
Wolliges Reitgras (Calamagrostis villosa)
Rasen-Schmiele (Deschampsia cespitosa)
Draht-Schmiele (Deschampsia flexuosa)
Breitblättriger Dornfarn (Dryopteris dilatata)
Wald-Schachtelhalm (Equisetum sylvaticum)
Harzer Labkraut (Galium saxatile)
Alpen-Brandlattich (Homogyne alpina)
Weiße Hainsimse (Luzula luzuloides)
Wald-Hainsimse (Luzula sylvatica)
Sprossender Bärlapp (Lycopodium annotinum)
Zweiblättrige Schattenblume (Maianthemum bifolium)
Wald-Wachtelweizen (Melampyrum sylvaticum)
Blaues Pfeifengras (Molinia caerulea)
Quirlblättrige Weißwurz (Polygonatum verticillatum)
Siebenstern (Trientalis europaea)
Heidelbeere (Vaccinium myrtillus)
Preiselbeere (Vaccinium vitis-idaea)
Sumpf-Veilchen (Viola palustris)

Moosschicht:
Floerkes Bartspitzmoos (Barbilophozia floerkei)
Großes Bart-Spitzmoos (Barbilophozia lycopodioides)
Dreilappiges Peitschenmoos (Bazzania trilobata)
Gewöhnliche Gabelzahnmoos (Dicranum scoparium)
Etagenmoos (Hylocomium splendens)
Großes Muschelmoos (Plagiochila asplenioides)
Gewelltblättriges Schiefkapselmoos (Plagiothecium undulatum)
Goldenes Frauenhaarmoos (Polytrichum commune)
Schönes Widertonmoos (Polytrichum formosum)
Echtes Federmoos (Ptilium crista-castrensis)
Schönes Kranzmoos (Rhytidiadelphus loreus)
Hain-Torfmoos (Sphagnum capillifolium)
Girgensohns Torfmoos (Sphagnum girgensohnii)
Sumpf-Torfmoos (Sphagnum palustre)
Fünfzeiliges Torfmoos (Sphagnum quinquefarium)

Charakteristische Tierarten (gemäß FFH- und VS-Richtlinie)

Säugetiere:
Mopsfledermaus (Barbastella barbastellus)
Kleine Hufeisennase (Rhinolophus hipposideros)

Käfer:
Gekörnter Bergwald-Bohrkäfer (Stephanopachys substriatus)

Vögel:
Raufußkauz (Aegolius funereus)
Haselhuhn (Bonasa bonasia)
Schwarzspecht (Dryocopus martius)
Sperlingskauz (Glaucidium passerinum)
Dreizehenspecht (Picoides tridactylus)
Grauspecht (Picus canus)
Auerhuhn (Tetrao urogallus)

Europa

Der Lebensraumtyp ist in den mitteleuropäischen Mittelgebirgen östlich der Linie Harz-Frankenwald sowie in den Alpen und den Karpaten verbreitet.

Österreich

Verbreitungsschwerpunkt des Lebensraumtyps bilden die Zwischen- und Innenalpen Österreichs. Ein wichtiges Nebenvorkommen befindet sich in den höchsten Erhebungen der Böhmischen Masse (Wald- und Mühlviertel).

Vorkommen in Natura 2000-Gebieten

Niederösterreich
AT1201A00 Waldviertler Teich-, Heide- und Moorlandschaft
AT1203A00 Ötscher-Dürrenstein
AT1212A00 Nordöstliche Randalpen: Hohe Wand – Schneeberg – Rax

Kärnten
AT2101000 Nationalpark Hohe Tauern (Kernzone I und Sonderschutzgebiete)
AT2102000 Nationalpark Nockberge (Kernzone)
AT2103000 Hörfeld Moor – Kärntner Anteil
AT2107000 Stappitzer See und Umgebung
AT2108000 Inneres Pöllatal
AT2109000 Wolayersee und Umgebung
AT2129000 Nationalpark Hohe Tauern (Kernzone II und Sonderschutzgebiete)
AT2134000 Mittagskogel

Steiermark
AT2204000 Steirisches Dachsteinplateau
AT2206000 Ödensee
AT2209000 Niedere Tauern
AT2209001 Steilhangmoor im Untertal
AT2209003 Hochlagen der südöstlichen Schladminger Tauern
AT2209004 Hochlagen der östlichen Wölzer Tauern und Seckauer Alpen
AT2210000 Ennstaler Alpen/Gesäuse
AT2215000 Teile der Eisenerzer Alpen
AT2216000 Kirchkogel bei Pernegg
AT2219000 Teile des steirischen Nockgebietes
AT2226000 Furtner Teich – Dürnberger-Moor
AT2226001 Dürnberger Moor
AT2227000 Schluchtwald der Gulling
AT2229000 Teile des Steirischen Jogl- und Wechsellandes
AT2229001 Oberlauf der Pinka
AT2242000 Schwarze und Weiße Sulm
AT2243000 Totes Gebirge mit Altausseer See

Oberösterreich
AT3101000 Dachstein
AT3111000 Nationalpark Kalkalpen, 1. Verordnungsabschnitt
AT3115000 Maltsch
AT3120000 Waldaist und Naarn
AT3121000 Böhmerwald und Mühltäler
AT3122000 Oberes Donau- und Aschachtal
AT3130000 Hornspitzmoore
AT3138000 Schluchtwälder

Salzburg
AT3204002 Sieben-Möser/Gerlosplatte
AT3206007 Bluntautal
AT3207020 Seetaler See
AT3210001 Hohe Tauern, Salzburg
AT3211012 Kalkhochalpen, Salzburg
AT3213003 Gerzkopf
AT3214000 Rotmoos-Käfertal
AT3222000 Moore am Überling

Tirol
AT3302000 Vilsalpsee
AT3303000 Valsertal
AT3304000 Karwendel
AT3305000 Ötztaler Alpen
AT3306000 Afrigal
AT3307000 Egelsee
AT3309000 Tiroler Lech
AT3310000 Arzler Pitzeklamm

Vorarlberg
AT3407000 Fohramoos
AT3410000 Gadental
AT3412000 Verwall
AT3415000 Alpenmannstreu Gamperdonatal

Status Rote Liste Österreich

  • Subalpiner bodensaurer Fichtenwald: ungefährdet
  • Fichten-Blockwald über Silikat: ungefährdet
  • Subalpiner bodenbasischer trockener Fichtenwald: ungefährdet
  • Subalpiner bodenbasischer frischer Fichtenwald: ungefährdet
  • Fichten-Blockwald über Karbonat: ungefährdet
  • Nasser bodensaurer Fichten- und Fichten-Tannenwald: gefährdet (3)
  • Nasser bodenbasischer Fichten- und Fichten-Tannenwald: gefährdet (3)

Status FFH-Richtlinie

Anhang I

Gefährdungsursachen

  • Großflächigere Nutzung (schlechte Regenerierbarkeit)
  • Ausfall der Tanne aufgrund biologisch-ökologischer Störungen (Wildverbiss, Immissionen, zunehmende Trockenheit)
  • Verbiss- und Schälschäden
  • Errichtung von touristischer Infrastruktur (besonders Skipisten, Aufstiegshilfen, etc.)
  • Klimawandel (z.B. Schwächung der Waldvegetation durch Extremereignisse wie Starkniederschläge, Trockenperioden, Stürme, etc.)

Mögliche Schutzmaßnahmen

  • Förderung von Altholzbeständen bzw. einer Erhöhung der Umtriebszeit
  • Förderung von – insbesondere stehendem – Totholz im Wald
  • Förderung der naturnahen Nutzung der Bestände zur Erhaltung unterschiedlicher Entwicklungsstadien
  • Förderung der Außernutzungstellung von repräsentativen naturnahen Waldflächen
  • Förderung der Naturverjüngung
  • Trennung von Wald und Weide
  • Wildstandsregulierungen

Erhaltungszustand

Bewertung des Erhaltungszustands des Lebensraumtyps „9410: Montane bis alpine bodensaure Fichtenwälder“ in den biogeographischen Regionen Österreichs für die Berichtsperiode 2007 – 2012:

Alpine Region Verbreitungsgebiet Lebensraumfläche Strukturen & typische Arten Zukunftsaussichten
Einzelbewertung günstig günstig ungünstig-unzureichend ungünstig-unzureichend
Trend
Gesamtbewertung ungünstig-unzureichend
Gesamttrend stabil

 

Kontinentale Region Verbreitungsgebiet Lebensraumfläche Strukturen & typische Arten Zukunftsaussichten
Einzelbewertung günstig ungünstig-unzureichend ungünstig-unzureichend ungünstig-unzureichend
Trend
Gesamtbewertung ungünstig-unzureichend
Gesamttrend stabil
Literatur

Amt der Tiroler Landesregierung, Abt. Forstplanung (Hrsg.) (2016): Waldtypisierung Tirol – Waldtypenkatalog. Innsbruck.

Autonome Provinz Bozen – Südtirol (Hrsg.) (2010): Waldtypisierung Südtirol, Band 2 – Waldgruppen. Naturräume. Autonome Provinz Bozen-Südtirol. Abteilung Forstwirtschaft. Amt für Forstplanung.

Ellmauer, T. (Hrsg.) (2005): Entwicklung von Kriterien, Indikatoren und Schwellenwerten zur Beurteilung des Erhaltungszustandes der Natura 2000-Schutzgüter. Band 3: Lebensraumtypen des Anhangs I der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie. Im Auftrag der neun österreichischen Bundesländer, des Bundesministerium f. Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft und der Umweltbundesamt GmbH, Wien.

Essl, F., Egger, G., Ellmauer, T., Aigner, S. (2002): Rote Liste gefährdeter Biotoptypen Österreichs – Wälder, Forste, Vorwälder. Umweltbundesamt GmbH, Wien.

Frehner, M.; Wasser, B.; Schwitter, R. (2005): Nachhaltigkeit und Erfolgskontrolle im Schutzwald. Wegleitung für Pflegemaßnahmen in Wäldern mit Schutzfunktion. Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (BUWAL) (Hrsg.). Bern.

Klosterhuber, R.; Vacik, H.: Erfassung der Wälder im Salzburger Anteil des Nationalpark Hohe Tauern (unveröff. Projektbericht 2017)

Mayer, H. (1974): Wälder des Alpenostrandes. Gustav Fischer Verlag. Stuttgart. 344 S.

Nowotny, G.; Pflugbeil, G.; Brunner, E.; Stöhr, O.; Wittmann, H. (2017): Biotoptypen-Steckbriefe. Biotopkartierung Salzburg Revision. Amt der Salzburger Landesregierung, Abteilung 5 – Natur und Umweltschutz, Gewerbe, Referat für Naturschutzgrundlagen und Sachverständigendienst (Hofrat Prof. DI Hermann Hinterstoisser). Salzburg.

Ott, E.; Frehner, M.; Frey, H.-U.; Lüscher, P. (1997): Gebirgsnadelwälder: praxisorientierter Leitfaden für eine standortsgerechte Waldbehandlung. Haupt. Bern, Stuttgart, Wien. 286 S.